2 Tage Jakobsweg – Wille vs. Gefühl


«Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»


Dieses Sprichwort fasst mein kurzes Jakobsweg-Abenteuer sehr gut zusammen. Denn an diesen zwei Tagen habe ich eindrücklich erlebt, was mein Wille für eine Kraft hat – und wie er mir schaden kann.

Schon seit einigen Jahren kam mir immer wieder mal die Idee, mich auf den Jakobsweg und damit diese besondere Erfahrung zu machen.


Denn ich werde immer offener und neugieriger, Neues auszuprobieren und so meine Komfortzone zu erweitern.


Ausserdem spüre ich eine gewisse Müdigkeit, die sich nach dem sehr intensiven Juni körperlich und geistig bemerkbar macht.


Also habe ich mich entschieden, mir etwas Zeit zu gönnen und diese Idee in die Tat umzusetzen.

Und da es nicht immer Santiago de Compostela sein muss, um damit zu starten, habe ich mich vor kurzem dazu entschieden, den Schweizer Weg zu erkunden.


Anfänglich sollte es nur ein Tag sein, doch auf Hinweis meiner lieben Frau Fabienne – «Ich glaube, du musst mal zwei Tage weg» – wurden es dann zwei.



DER WEG DER ERKENnTNISSE


Nach kurzer Recherche habe ich mir also vorgenommen, von Pfäffikon ZH nach Einsiedeln zu laufen. Um es vorweg zu nehmen: In einen Flow, den viele auf diesem Weg erleben, bin ich nicht gekommen. Dafür sind zwei Tage vielleicht auch zu kurz.


Für mich war es eher ein Leidensweg denn ein Pfad des Erwachens. Dennoch war es eine wertvolle Erfahrung mit einem Mix aus Erlebnis und vielen Erkenntnissen.


Hier meine wichtigsten Erkenntnisse:

  • dieser Weg hat viele Parallelen mit unserem Leben

  • es ist erstaunlich, was unser Körper zu leisten vermag

  • mit dem Willen kann man alles erreichen

  • das (Bauch-)Gefühl zu ignorieren verursacht Schmerzen

  • ein Weg mit Wille ohne Gefühl ist hart und ungesund

  • es geht nicht um das Ziel, sondern um den Weg

  • Urvertrauen ist der wahre Kompass



DER WEG UND DAS LEBEN


Während den ersten zwei Stunden war ich motiviert, ja richtig euphorisch ab dieser neuen Erfahrung. In meinem Leben bin ich ja schon oft und viel gelaufen – schon allein in meiner militärischen Zeit als Gebirgsfüsilier – doch noch nie alleine für mich.


Und so etwas Neues hat am Anfang wirklich einen gewissen Zauber. Doch so nach 2 Stunden hat sich mein Verstand das erste Mal gemeldet. Seine konkrete Frage: «Warum?»


Warum stundenlang laufen? Warum alleine? Warum immer weiter? Warum in dieser Hitze? Was soll das Ganze? Und warum nicht einfach wieder nach Hause gehen?


Da war sie wieder, die liebe Komfortzone, die lauthals zu rufen begann.

So wie im echten Leben, wenn man neue Pfade beschreitet, man dadurch oftmals alleine ist und plötzlich starke Zweifel kommen, den Weg weiter zu gehen.


Wenn alles in sich danach schreit, wieder zurück zu krebsen und es beim Alten belassen. Wenn auch nicht wirklich gut, aber immerhin bekannt – und damit bequem.


Da ich mein Ego mittlerweile ganz gut kenne und wir eine direkte Beziehung pflegen, habe ich mich auf diesen Dialog eingelassen. «Ja, ich weiss, du möchtest nur das Beste für uns. Danke also für dein Mitgefühl und deine Meinung. Trotzdem laufe ich weiter, denn ich möchte diese Erfahrung machen. Lass sie uns also gemeinsam machen und danach schauen, was sie uns gebracht hat. Und eines glaube ich ganz fest: Wir werden das überleben.»


Die Antwort vom Ego kam prompt: «Klugscheisser.»


Wohl eher Dickschädel... Zumindest hatten wir etwas zum Lachen. Was mir das Weiterlaufen vereinfacht hat.


Da wurde es mir wieder klar: Der Weg zu neuen Erfahrungen – und damit zu persönlichem Wachstum – führt durch die Zweifel und Unsicherheit hindurch, indem ich mich dem Weg einfach hingebe und darauf vertraue, dass es gut kommt.


OHNE Freude keinen SINn


Als nach ca. 5 Stunden die Schmerzen in Füssen und Beinen zunahmen und die Hitze mir den Rest gab, meldete sich mein Gefühl. Die klare Botschaft: «Es reicht für heute. Mach jetzt einfach Halt.»


Für meinen Willen war das DER Weckruf. «Aufhören? Jetzt schon? Niemals!» Ich hatte mir nämlich in den Kopf gesetzt, am gleichen Tag von Pfäffikon nach Pfäffikon zu laufen. Das fand ich irgendwie witzig.


Also lief ich einfach weiter. Über mir die pralle Sonne, unter mir der heisse Asphalt und staubige Schotter. Was folgte war kein Flow, sondern eine Art Delirium. Jeder weitere Schritt war nur noch eine Qual.


Und so hat mich mein Wille bis zum Bahnhof in Pfäffikon SZ gequält, um am Bahnhof wieder mein Gefühl wahrzunehmen: «Jetzt ist wirklich genug, denn das ist nicht mehr gesund. Du hast es dir bewiesen, wir sind alle stolz auf dich, aber steig jetzt einfach in den Zug und fahr nach Hause.»


Dabei hatte ich auf dem Weg etwas ganz Wichtiges komplett verloren: Die Freude am Tun.


Da kam der alte Spitzensportler-Anteil in mir hoch: «Spinnst du? Aufhören ist keine Option! Was willst du den Anderen sagen? Also zieh das gefälligst durch!»


Also habe ich mir völlig entkräftet einen Platz zum Schlafen besorgt. Endlich Feierabend. Ich konnte mich kaum bewegen und war allein. Wow! Da war nichts mit Stolz oder Dankbarkeit. Ich habe mich plötzlich wirklich einsam gefühlt...



Wer nicht hören will, Darf fühlen


Nach einer heissen und schlechten Nacht bin ich um 5 Uhr erwacht und habe entschieden, es einfach hinter mich zu bringen. Die Schmerzen in Füssen, Beinen und vor allem Hüfte waren immer noch stark. Aber eben: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.


Also bin ich aufgebrochen und wurde immerhin mit einem wunderschönen Sonnenaufgang beschenkt. Dieser konnte den happigen Start-Aufstieg etwas entschärfen.


Nach jeder Pause konnte ich kaum weiterlaufen, also habe ich die Pausen verkürzt und sogar vermieden. Denn jetzt ging es nur noch darum, das irgendwie durchzuziehen. Und sowieso: der Weg zurück wäre mittlerweile keine bessere Option gewesen.


Und nach 2.5 Stunden war es endlich in Sicht: Einsiedeln – das Santiago de Schwyz. Was für eine Erlösung. Und gleichzeitig eine qualvolle letzte halbe Stunde.


Bis ich endlich beim Kloster Einsiedeln ankam.


Mein Gefühl? Schwer zu beschreiben. Auf jeden Fall fühlte sich die Zielerreichung weder schön noch erleichternd an. Auch hatte ich nicht das Gefühl von Stolz oder Freude. Ich fühlte mich eher schuldig und beschämt, mein Gefühl so dermassen ignoriert zu haben.


Da konnte mein Wille noch so gross herumposaunen, es geschafft und es allen gezeigt zu haben. Aber wem genau? Wem wollte und sollte ich etwas beweisen?


Ich fühlte mich gerade so, als hätte ich in den letzten Jahren nichts gelernt. Und das tat nicht nur körperlich, sondern auch emotional so richtig weh.


Das verursachte eine Leere in mir. Da wollte ich nur noch nach Hause...



Und die Moral von der Geschicht...


...leiden kann man, muss man aber nicht.


Auf dem Heimweg kamen mir dann einige Erkenntnisse, die ich mit diesem Blogpost gerne mit dir teilen möchte.


Ja, ich war und bin immer noch froh, diese neue Erfahrung gemacht zu haben. Ich verspüre Freude, dass ich nicht viel geplant, sondern mich dem einfach hingegeben habe. Ich bin glücklich, mutig gewesen zu sein und meine Komfortzone erweitert zu haben. Ich fühle mich dankbar, dass ich mir und dem Leben vertraut habe. Ich wurde darin bestätigt, dass es nicht um das Ziel, sondern um das Erleben auf dem Weg dazu geht. Mir wurde klar, dass der Wille allein mich alles erreichen lässt, aber mich einsam macht und mir nachhaltig schadet. Ich habe gemerkt, dass ich niemandem etwas beweisen muss. Ich habe verstanden, dass ich mich zu 100% auf mein Gefühl verlassen kann. Ich wurde darin bestärkt, dass es keinen Sinn macht, Dinge zu machen, die keine Freude bereiten.


Also werde ich auch in Zukunft ganz viele neue Erfahrungen machen, die mich wachsen lassen und die Verbindung zu meinem Gefühl verstärken.



 
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